„Kein Mensch ist illegal“: Analyse eines Slogans

Flüchtlingsinitiativen und Befürworter der Multikulturellen Gesellschaft nutzen den Slogan „Kein Mensch ist illegal“ gerne als Begründung für unbeschränkte Einwanderung und gegen die Abschiebung von Personen ohne Aufenthaltsgenehmigung.

Mit dem Slogan sind auch humanitäre Aktivitäten verknüpft, die hier nicht thematisiert und kritisiert werden sollen. Wohl aber ist die politische Stoßrichtung kritisierbar insbesondere, wenn man sich die sprachliche Konstruktion dieses Slogans anschaut.

Das interessanteste Wort in diesem Slogan ist das kleine Wort „ist“. Es kann nämlich in zwei Bedeutungen verwendet werden: Einmal zur Beschreibung feststehender bis identitätsstiftender Eigenschaften wie z.B. „Der Ball ist rot“, „Die Erde ist ein Planet“, „Ich bin Europäer“. In anderem Zusammenhang beschreibt es flüchtige Zustände oder Aufenthaltsorte: „Stefan ist müde“, „Karin ist im Garten“.

Das Spanische hat dem Deutschen in diesem Fall etwas voraus: Es hat für diese beiden Bedeutungen jeweils unterschiedliche Worte: Für feststehende Eigenschaften benutzt das Spanische das Wort “ser“, für flüchtige Zustände das Wort “estar“.

Vergleichen wir, wie Google die folgenden Sätze übersetzt:

Ich bin ein Berliner. – Soy un berlinés.
Hier wird die Ich-Form von “ser“ verwendet: Ein Berliner zu sein ist ein dauerhafter und identitätsstiftender Zustand.

Ich bin in Berlin. – Estoy en Berlín.
Hier wird die Ich-Form von “estar” verwendet: In Berlin zu sein ist ein vorübergehender Zustand.

Untersuchen wir jetzt, was der Slogan „Kein Mensch ist illegal“ bedeutet, je nachdem, wie man das Wort „ist“ in diesem Slogan interpretiert.

Fasst man „ist“ als dauerhafter die Identität beschreibender Zustand auf, dann Bedeutet der Satz „Kein Mensch ist illegal“ so viel wie „Jeder Mensch darf sein“. Diesen Satz verstehen wir gewöhnlich so, dass jeder ein Recht auf Leben hat, welches in den Menschenrechten so formuliert ist, und unserem Rechtsverständnis entspricht. „Kein Mensch ist illegal“ ist in dieser Bedeutung richtig, weil es jedem Menschen erlaubt ist zu sein, also ein Recht auf Leben hat. Hier stimmen wir intuitiv zu. In dieser Bedeutung ist der Slogan allerdings auch ziemlich trivial.

In der anderen Bedeutung steht „ist“ für sich an einem Ort aufhalten in der Bedeutung von „Kein Mensch ist illegal hier“ oder „Kein Mensch ist illegal dort“. Anders formuliert bedeutet „Kein Mensch ist illegal“ demnach etwa „Jeder darf sich überall aufhalten“.

Aber stimmt das denn? Darf ich mich überall aufhalten? Bei genauer Betrachtung ist eher das Gegenteil der Fall: Die Nachbarwohnungen darf ich ohne Erlaubnis deren Bewohner schon mal nicht betreten. Das wäre Hausfriedensbruch. Das Gleiche gilt für Gärten und andere Privatgrundstücke. In größeren Firmen ist es üblich den Mitarbeitern und Gästen spezielle Ausweise zu geben. Nur mit diesen ist der Zugang zu Gelände und Gebäuden gestattet. So bleiben in der Stadt in Wahrheit nur Straßen und öffentliche Plätze übrig, die ich ohne weitere Genehmigung betreten darf. Überall woanders halte ich mich illegal auf.

Wie ist es, wenn ich Deutschland verlassen will? Hier kann ich mich als Deutsche innerhalb der Länder des Schengener Abkommens frei bewegen. Das ist ein großer Teil Europas. Will ich aber diesen Raum verlassen, dann brauche ich mindestens einen Reisepass, oft sogar ein zeitlich befristetes Visum. Den größten Teil der Erde, von internationalen Gewässern abgesehen, kann ich also auch nicht ohne weitere Genehmigung wie z.B. einem Visum betreten. Tu ich das trotzdem, halte ich mich dort illegal auf.

„Kein Mensch ist illegal“ im Sinne von „Jeder darf sich überall aufhalten“ ist also eindeutig falsch. In Wahrheit steht jedem Menschen nur ein kleiner Teil der Welt offen, wo es ihm erlaubt ist sich aufzuhalten.

Die verwirrende wie geniale Konstruktion des Satzes „Kein Mensch ist illegal“ entfaltet sich dann, wenn die beiden Bedeutungen von „ist“ im Sinne von „Jeder Mensch darf sein“ bzw. „Jeder darf sich überall aufhalten“ miteinander vermischt werden: Wenn beides gleichzeitig gelten soll, was der propagandistische Zweck dieses Satzes ist, dann kommt etwa folgende Bedeutung dabei heraus:

„Weil jeder Mensch sein darf, also ein Recht auf Leben hat, darf er sich überall aufhalten“

Dies ist eindeutig nicht korrekt.

Mit der Aufdeckung der Vermischung einer richtigen, aber trivialen Bedeutung, mit einer politisch gewollten, aber falschen Bedeutung, verliert der Satz seine Zauberkraft: „Kein Mensch ist illegal“ ist also entweder trivial oder schlichtweg falsch.